Lauschbar 48 16. Mai 2010

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Ali Farka Toure & Toumani Diabate: Ali and Toumani (World Circuit) 19.2.2010
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Vor 2 Jahren war ich total fasziniert vom Solo-Album "Mande Variations" von Toumani Diabate aus Mali, einem der weltbesten Spieler auf der Kora, einer 21-saitigen Stegharfe. Entsprechend gespannt und neugierig war ich, als ich mitbekam, dass er nun ein Album mit Landsmann Ali Farka Toure veröffentlicht hat, einem renommierten Weltmusik-Gitarristen. Das Album entstand im Nachgang zu ihrem ersten gemeinsamen Album "In the Heart of the Moon" aus dem Jahre 2005, für das sie einen Grammy bekamen. Kurz nach den Aufnahmesessions verstarb Toure 2006 mit 66 Jahren an Krebs.
Auf dem Album improvisieren die beiden über ältere Stücke von ihnen bzw. über traditionelle Folk-Songs aus Mali. Es ist ein Genuss, den beiden zuzuhören, wie sie virtuos ihre Instrumente beherrschen und sich in ihrem Spiel gegenseitig ergänzen und umgarnen. Unterstützt werden sie auf einigen Stücken durch den kubanischen Bassisten Orlando "Cachaito" Lopez (der u.a. auch beim Buena Vista Social Club aktiv war) und von Toure’s Sohn an den Congas.
Die Stimmung des Album ist durchweg ruhig und fließend, sehr gut zum Entspannen und Träumen von exotischen Ländern geeignet.
Einziger kleiner Kritikpunkt ist vielleicht, dass es dem Album über die Dauer etwas an Abwechslung mangelt.
  ↑  Pat Metheny: Orchestrion (Nonesuch/Warner) 29.1.2010
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Der inzwischen 55-jährige US-amerikanische Jazz-Gitarrist hat sich schon auf einer schier unüberschaubaren Menge von Platten verewigt und fügt mit dem vorliegenden Solo-Album seinem beeindruckendem musikalischem Schaffen einen weiteren Höhepunkt zu. Der Clou an diesem Album ist, dass es zwar nach einer perfekt eingespielten Combo von mehreren versierten Jazz-Musikern klingt, aber dennoch alleine live von Metheny eingespielt wurde, also auch nicht etwa mittels eines aufwendigen Studio-Mehrspurverfahrens. Verwendung findet nämlich ein speziell für ihn gebautes Multi-Instrument, eben das titelgebende Orchestrion, das aus Pianos, Marimbas, Vibraphonen, Glocken, Bass, Percussion u.a. besteht, und die er via modernster Elektromagnet- und Hydrauliktechnik von seiner Gitarre oder dem Keybord aus bedienen kann. Einfacher wäre es sicher gewesen, das Ganze mittels Computer sowie neuester Sampling- und MIDI-Technik zu erreichen, aber Metheny wollte das "menschliche Element" beim Musizieren bewahren. In der Tat klingen die 5, um die 10 Minuten langen Stücke, sehr gefühlvoll und lebendig. Sein bekanntes brilliantes Spiel auf der Gitarre wird dabei perfekt durch verschiedene Instrumente des Orchestrion untermalt.
Insgesamt eher eine Platte zum Entspannen, bei der jedoch das improvisierte Gitarrenspiel und verschiedene Tempi- und Rhythmuswechsel auch für die nötige Spannung sorgen.
  ↑  Blockhead: The Music Scene (Ninja Tune) 15.1.2010
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Um ein Haar hätte ich diese tolle Platte verpasst. Mir war der New Yorker Tony Simon a.k.a. Blockhead bislang unbekannt, in der HipHop-Szene hat er aber schon seit längerer Zeit einen guten Ruf als Beatbastler und Produzent, insbesondere durch seine seit 1997 bestehende Zusammenarbeit mit dem Underground-Rapper Aesop Rock. Seine "Solo-Karriere" begann er Anfang des Jahrtausends auf dem renommierten Ninja Tune Label, 2004 erschien sein erster Longplayer, und nun liegt sein mittlerweile viertes Album vor. Es lädt den Hörer ein zu einem faszinierenden musikalischen Trip aus abgefahrenen Samples aller Art, schrägen Sequencer-Sounds und abstrakten Computer-Beats. Rhythmisch pendelt das Ganze zwischen chilligen Downbeats und dynamischen, vertrackten Beats hin und her, exemplarisch sehr schön zu hören auf dem Opener "It’s Raining Clouds", der mit langsamen Downbeats beginnt und mit Drum’n’Bass endet.
Fans von DJ Shadow dürften an diesem Album ihre helle Freude haben.
  ↑  Aufgang: Aufgang (InFine/Discograph) 19.2.2010
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In der letzten Zeit scheinen sich immer mehr junge, zeitgenössische Musiker für die Verbindung von moderner, elektronischer Clubmusik mit klassischer Musik zu interessieren. (An dieser Stelle wurden in dieser Richtung schon die Alben von Carl Craig & Moritz von Oswald sowie Jimi Tenor aus der "ReComposed"-Reihe vorgestell.) Dazu gehört auch das Album-Debüt dieses Trios, welches aus den beiden Pianisten Francesco Tristano (Luxemburg) und Rami Khalifé (Libanon) sowie dem Perkussionisten Aymeric Westrich (Frankreich) besteht. Gegründet wurde Aufgang als Duo schon 2001, als sich Tristano und Khalifé beim Studium an der Juilliard School in New York kennen lernten. Beim Sònar Festival in Barcelona 2005 stieß dann Westrich hinzu.
Das 1-stündige Album enthält neun facettenreiche, rein instrumentale Stücke, von einem ruhigen Prelude über recht experimentelle Stücke bis hin zu sehr rhythmusbetonten Tracks, wobei mir letztere am besten gefallen. Wie die drei dort ihre Freude am virtuosen, klassischen Klavierspiel und die Begeisterung für die Energie elektronischer Clubmugge ausleben, ist sehr erfrischend und hörenswert. Der Titeltrack als auch "Channel 7" und "Sonar"sind dabei sogar Dancefloor-tauglich.
  ↑  Kasper Bjorke: Standing on Top of Utopia (HFN Music/Rough Trade) 12.2.2010
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Der inzwischen 34-jährige Däne betätigt sich seit mehr als einem Jahrzehnt als DJ und Remixer und ist Teil des House-Projektes Filur. 2007 erschien sein Debüt "In Gumpo". Ich bin aber erst jetzt, mit dem vorliegenden 2. Album auf ihn aufmerksam geworden – und bin durchaus beeindruckt, denn er liefert hier ein athmosphärisches und abwechslungsreiches Electro/Pop-Album ab, dass mit seiner überwiegend relaxten Stimmung ganz gut zum nun doch anbrechenden Frühling passt.
Bjorke deckt eine breite Palette angesagter, elektronischer Club-Sounds ab, ohne dabei beliebig oder eklektisch zu wirken. Das ist zwar alles nicht wirklich neu, aber einfach nur gut gemacht und auf den Punkt gebracht. Das reicht von Rave ("Melmac") über Techno ("Fido"), Electro-Pop mit hüpfendem Live-Bass ("Young Again", "Alcatraz") bis zu sphärischen, elektronischen Stücken in der Art von Landsmann Trentemoeller ("Fasano") oder Fever Ray ("Great Kills"). Sehr schön auch das Cover der (eher weniger bekannten) Rolling Stones-Ballade "Heaven".
Die Stücke sind etwa zur Hälfte rein instrumental, bei den anderen lässt er sich von (guten) GastsängerInnen unterstützen.
  ↑  Broken Bells: Broken Bells (Sony) 19.3.2010
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Wie letzte Woche auch diesmal eine sehr schöne, entspannte Frühlingsplatte, hier kredenzt von den Broken Bells, einer Kollaboration von James Mercer, Mastermind der Indie-Rock/Pop-Combo The Shins, und Brian Burton a.k.a. Danger Mouse, verdienter Produzent (Gorillaz, Beck u.a.) und die eine Hälfte von Gnarls Barkley. Stilistisch trifft man sich ziemlich genau in der Mitte und vereint melodienreiches Indie-Songwriting mit studiotechnischen Raffinessen. Beide spielen bis auf gelegentlich eingesetzte Streicher und Mariachi-Bläser alle Instrumente, wobei Mercer Gesang sowie Gitarre beiträgt, während Burton das Ganze mit Beats sowie Orgel- und Synthieklängen unterfüttert. Die Songs versprühen 60ies-Charme und sind alle recht eingänglich, aber die beiden bauen genug Breaks und soundtechnische Spielereien ein, dass es nie langweilig wird. Zudem überzeugt Mercer mit seiner variablen Stimme.
Da die beiden weitere Alben angekündigt haben, kann man schon auf deren weiteren Output gespannt sein.
  ↑  These New Puritans: Hidden (Domino) 15.1.2010
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Eine ziemlich abgefahrene Mugge, die die erst seit 2006 bestehende englische Band auf ihrem zweiten Album präsentiert... Was sich auf ihrem Debüt "Beat Pyramid" (2008), das noch dem Post Punk/New Wave verhaftet war, schon teilweise andeutete, kommt hier nun voll zum Tragen: der Hang zum Experimentieren, zu ausgefallenen Arrangements und vertrackten Beats. Gitarren gibt es auf diesem Album fast gar nicht mehr zu hören, dafür neben elektronischem Equipment vor allem alle möglichen Bläser, Percussion-Instrumente, Vibraphone, Kinderchöre und Foley Sounds.
Eröffnet wird das Album mit dem rein instrumentalen "Time Xone", das mit seiner symphonischen Klassik an "Atom Heart Mother" von Pink Floyd erinnert. Dannach kommen ein paar beatlastigere Stücke, die mit Samples und Rhythmik am Rap und Dubstep andocken, bevor es in der zweiten Albumhälfte wieder symphonischer und soundtrack-artiger zugeht.
Eine völlig einzigartige, avantgardistische und trippige Platte, die jedem Fan von anspruchsvoller, experimenteller Musik zu empfehlen ist ...
  ↑  Ken: Yes We (Strange Ways/Indigo) 26.2.2010
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Seit fast 10 Jahren schon bin ich Fan der Koblenzer Gitarren-Indie-Rock-Band Blackmail. Um so enttäuschter war ich, als die Band Ende 2008 verlauten ließ, dass sie sich wegen künstlerischer Differenzen von Sänger Aydo Abay getrennt hat. Dabei hat er mit seinem markanten Gesang nicht unwesentlich zum Sound und Erfolg von Blackmail beigetragen. Ein Weiterbestand der Band ohne ihn erschien und erscheint deswegen nicht vorstellbar. Aber es gibt eine gute Nachricht: Abay hat sein seit 2001 bestehendes Neben-Projekt zu seiner Hauptband gemacht und legt mit dieser nun das 3. Album vor. Dieses knüpft stilistisch zwar an den Sound seiner ehemaligen Hauptband an, und ist damit für Blackmail-Fans andock-fähig, es ist aber auch deutlich offener und experementierfreudiger, inbesondere was den Einsatz elektronischer Mittel betrifft. Ein bischen kann man daran erahnen, worin die o.g. künstlerischen Differenzen wohl bestanden haben mögen.
Die limitierte Erstauflage kommt mit einer Bonus-CD daher, auf der 2 Coverstücke sowie alle Songs des Albums in teils recht abgefahrenen und Dancefloor-tauglichen Remixen enthalten sind. Rechtzeitig zugreifen!
  ↑  Jimi Hendrix: Valleys Of Neptune (Sony) 5.3.2010
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Über die mit 27 Jahren 1970 leider viel zu früh verstorbene Gitarren-Legende muss man ja keine großen Worte mehr verlieren. Der eine oder die andere wird sich vielleicht wundern, warum diese Platte hier als Neuheit vorgestellt wird. Das aus Anlass des bevorstehenden 40. Todestages von den Nachlassverwaltern (seiner Familie) veröffentlichte "Valleys Of Neptune" enthält in der Tat bislang unveröffentlichte Studioaufnahmen. (Ein Teil der Songs ist aber schon in anderen Fassungen bzw. als Live-Version bekannt.) Das Album soll den Vorstellungen von Hendrix für den Nachfolger von "Electric Ladyland" nahekommen, des dritten und letzten, zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Albums (1968). Die Aufnahmen entstanden 1969, zum Teil noch mit The Experience: Noel Redding am Bass und Mitch Mitchell an den Drums. Bei den späteren Aufnahmen ersetzte Billy Cox Redding am Bass.
Die Aufnahmen sind technisch sehr gut und klingen "fertig"; gut möglich, dass die Endfassungen durch Hendrix aber noch leicht anders daher kommen würden. Auch wenn die Stücke den typischen Hendrix-Sound aufweisen und damit nicht viel Neues bieten, sind sie dennoch ein Schmankerl für Liebhaber von Gitarren-Blues-Rock.
  ↑  Collapse Under The Empire: Find a Place to Be Safe (Sister Jack/Cargo) 27.11.2009
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Man kann dem Post-Rock im Allgemeinen zwar ein Treten auf der Stelle vorhalten, nichtsdestotrotz bringt das Genre immer noch regelmässig hervorrragende Alben hervor, die z.T. auch an dieser Stelle gewürdigt wurden, z.B. Mogwai (2008) und Long Distance Calling (2009). Außerdem gelingt es einigen jüngeren Bands, auch neue Akzente zu setzen, indem sie z.B. an benachbarte Genres andocken, Long Distance Calling etwa an Prog Rock oder Russian Circles an Metal, bzw. sich aus den alten Schematas des minutenlangen Spannungsaufbaus oder der ausgeprägten Laut/Leise-Dynamik zu befreien. Dieser Trend wird auch mit dem vorliegenden 2. Album des 2007 gegründeten Hamburger Duos Matthew Jason und Chris Burda fortgesetzt. In raffinierten und trickreichen Arrangements errichten die beiden aus elegischen Gitarrenfiguren, Piano-Tupfern, Streicher- und Keybord-Flächen sowie elektronischen Effekten vielschichtige, atemberaubende und rauschhafte Soundscapes zum Darinschwelgen.
Großes Audio-Kino!
  ↑  Eels: End Times (E Works/Vagrant/Cooperative) 22.1.2010
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Seit Ende der 90er verfolge ich mit Interesse das Schaffen des Projektes um den US-amerikanischen Singer/Songwriter E (Mark Oliver Everett). Zwar habe ich nicht zu allen Alben den 100-prozentigen Zugang gefunden, aber die eigenständige und immer leicht kauzige Art fand ich doch immer sehr sympathisch. Das vorliegende 8. Studio-Album nun gefällt mir auch wieder in seiner Gesamtheit. Auf dem Album verarbeitet E das kürzliche Ende einer Liebesbeziehung und damit zusammenhängend seine Angst vor Einsamkeit und dem Älterwerden (s. Titel und Cover). Bis auf 2, 3 Blues-Rock-Nummern sind die Songs denn auch eher melancholisch und nachdenklich gehalten, ohne dabei aber ins Selbstmitleid zu versinken. Der intime Charakter des Album wird dadurch verstärkt, dass E es zum großen Teil alleine zu Hause mit einem 4-Spur-Rekorder aufgenommen hat: oft braucht E nicht mehr als eine Gitarre oder ein Piano und seine charismatische, leicht kratzige Stimme, um den Hörer zu berühren.
Seine ganz privaten Sorgen setzt er auch in Beziehung zur Welt da "draußen": Armut, Vereinzelung der Menschen, Selbstmordanschläge etc machen es einem nach persönlichen Schickschalsschlägen nicht gerade leicht, wieder Mut zu schöpfen. Am Ende bleibt nur Hoffnung und die Erinnerung an die Liebe, wie es so schön im letzten Stück "On My Feet" heißt: "it’s a mad mad [6x] world / and it’s hard to make any sense of it / but one thing I know that is true in this world / is the love that I felt for you"
  ↑  Musee Mecanique: Hold This Ghost (Souterrain Transmissions/Rough Trade) 29.1.2010
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Das in ihrer Heimat bereits im Herbst 2008 veröffentlichte Debüt der Band aus Portland erscheint mit einiger Verspätung nun auch in D, aber besser spät als gar nicht, denn für mich ist es das erste richtig große, musikalische Highlight des Jahres, das mit seiner verträumten Stimmung auch perfekt zu Herbst und Winter passt.
Gegründet wurde die Band von den beiden Multiinstrumentalisten und Sängern Sean Gilvie und Micah Rabwin noch in San Francisco, wo das namensgebende Museum steht, in dem historische, mechanisch gesteuerte Musikinstrumente ausgestellt sind. Der Einsatz von mehr oder weniger exotischen Musikinstrumenten und der Hang zur Nostalgie sind denn auch auch Markenzeichen dieses Albums. Die verspielten Kompositionen basieren auf sanft gezupften Akustikgitarren in Singer/Songwriter-Tradition und weichem Schlagzeug. Unterfüttert werden die Songs mal durch dezente Streicherpassagen, mal durch Synthesizer der ersten Stunde. Glockenspiele, singende Säge, Pedal Steel, Banjo u.a. setzen darauf abwechslungsreiche Akzente. Gekrönt wird das Ganze durch zarten Harmoniegesang.
Die Stücke sind teilweise so unglaublich schön, dass sich auch schon mal die eine und andere Träne der Rührung und des Glücks in die Augen verirrt ...